Der Fokus liegt vor allem auf der nationalistisch-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und ihrer umstrittenen anti-europäischen Linie. Bereits jetzt ist klar, dass der Wahlkampf auf dem polnischen Land entschieden wird: Dort lebt vierzig Prozent der Bevölkerung.
Die Wahlen werden bereits als ein Kampf um die Seele Polens betrachtet, bei dem die zentrale Frage ist, ob die PiS-Regierung nach neun Jahren an der Macht ihre Position halten kann, gegebenenfalls mit Unterstützung rechter Koalitionspartner. Die jüngsten Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der PiS und der liberalen Koalition unter Führung des ehemaligen EU-Präsidenten Donald Tusk, die nur wenige Prozentpunkte hinter der Regierungspartei liegt.
Die Regierungspartei wird zusätzlich herausgefordert von einer aufstrebenden agrarisch orientierten konservativen Fraktion und von der neuen radikalen Bauernpartei Agrounia. Die agrarisch orientierten Konservativen haben Aufmerksamkeit erregt mit ihrem Versprechen, die traditionellen Werte und Bräuche des polnischen Landlebens zu bewahren und zu schützen und liegen aktuell bei etwa zehn Prozent; Agrounia bei einem Prozent.
Die PiS-Regierung hat in den vergangenen Jahren erheblich an Unterstützung auf dem Land verloren. Kritiker behaupten, dies liege weniger an Unzufriedenheit mit der von der EU gesteuerten Agrarpolitik (obwohl es daran auch viel Kritik gibt), sondern vor allem daran, dass die Partei ihre Bindungen an die römisch-katholische Kirche und die traditionellen Werte und Bräuche auf dem Land nicht ausreichend erhalten hat.
Darüber hinaus steht die Regierung seit einigen Jahren in mehreren Konflikten mit der Europäischen Union über Themen wie Rechtsstaatlichkeit, Unabhängigkeit der Richter, Homorechte und liberale Freiheiten. Dadurch hat die EU die Auszahlung verschiedener Subventionen ausgesetzt, wodurch die PiS-Politiker auch Unterstützung unter „städtischen“ gemäßigten und modernen Wählern verloren haben.
Ein entscheidender Wendepunkt bei diesen Wahlen könnten noch die ukrainischen Getreideexporte werden. Die Europäische Kommission erwägt, die derzeitigen Beschränkungen (kein Export in fünf Nachbarländer) nach dem 15. September aufzuheben, sehr zum Ärger der polnischen Regierung. Das geschieht mitten im Wahlkampf. Warschau droht notfalls mit neuerlichen Grenzblockaden, womit die PiS versucht, doch noch alle Bauern auf ihre Seite zu ziehen.
Dabei spielt auch eine Rolle, dass das polnische Land in den letzten zehn, fünfzehn Jahren den „Rückstand“ zum „modernen städtischen Raum“ erheblich verringert hat, unter anderem mit Hilfe europäischer (Entwicklungs-)Zuschüsse und durch die von der EU unterstützte Erneuerung der Agrarpolitik. Nicht alle sind unzufrieden mit der EU.
Während die PiS-Regierung entschlossen ist, ihre anti-europäische Linie beizubehalten, hat sich die liberale Koalition unter Führung von Donald Tusk als Alternative mit einer pro-europäischen Agenda positioniert. Das Wahlergebnis könnte somit erhebliche Auswirkungen auf das Verhältnis Polens zur Europäischen Union und den weiteren geopolitischen Kontext haben.

