Der belgische Politiker erklärt, dass die europäischen Regierungschefs bereits bei ihrem Treffen im Juli eine Entscheidung über seine Nachfolge treffen können, notfalls auch temporär. Damit werden die europäischen Staats- und Regierungschefs jedoch vor ein Dilemma gestellt, da zu diesem Zeitpunkt – so kurz nach den Wahlen – noch keine Klarheit über die Besetzung anderer EU-Spitzenämter bestehen wird.
Außerdem muss im Herbst eine neue Europäische Kommission gebildet werden, einschließlich ihres Vorsitzes. In Brüsseler Fluren wird gemunkelt, dass die deutsche Christdemokratin Ursula von der Leyen eine zweite Amtszeit anstrebt. Dann stellt sich auch das Puzzle zusammen, wer (welches Land, welche Partei) einen Kommissar stellen darf, wer Präsident der Europäischen Bank wird, wer der neue NATO-Chef wird und so weiter.
Dass der belgische Liberale Michel die EU-Staats- und Regierungschefs nun schon darüber informiert, dass er zurücktritt (und ersetzt werden muss), setzt den EU-Rat unter großen Druck. Die europäischen Regierungschefs wollen verhindern, dass der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán im zweiten Halbjahr 2024 aktiv bei verschiedenen EU-Bestellungen mitmischen kann. Orbán gilt innerhalb der EU als Querulant. Ungarn übernimmt im zweiten Halbjahr 2024 planmäßig die EU-Ratspräsidentschaft.
Vor fünf Jahren waren es der französische Präsident Macron, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte, die letztlich entschieden, wie die europäischen Spitzenpositionen verteilt werden. Dabei wurde Charles Michel Vorsitzender des EU-Ministerrats – auch „Präsident der EU“ genannt.
In Brüsseler Fluren wurde damals geflüstert, dass Rutte diese Funktion auch selbst hätte übernehmen können, sich damals jedoch für die Fortsetzung seiner Ministerpräsidentschaft in den Niederlanden entschied.
Rutte ist inzwischen zurückgetreten und ist in Den Haag nur noch geschäftsführender Ministerpräsident. Kürzlich machte er öffentlich, dass er NATO-Generalsekretär werden möchte. Für diese Spitzenposition gibt es zwei weitere Kandidaten. Eine Entscheidung über die Nachfolge des aktuellen Generalsekretärs Jens Stoltenberg wurde bereits zweimal verschoben. Ob Rutte an anderen internationalen Ämtern interessiert ist, ist nicht bekannt.
Michel wollte in den belgischen Medien nicht auf die Frage eingehen, ob seine Kandidatur für einen Sitz im Parlament auch bedeute, dass er an anderen europäischen Spitzenämtern interessiert sei oder dass er seinen Parteikollegen Didier Reynders als EU-Kommissar Belgiens ablösen wolle.

