Das Vereinigte Königreich verlässt am Freitagabend nach fast fünfzig Jahren die Europäische Union. Es ist das erste Mal seit der Gründung der gemeinsamen Union vor 75 Jahren, am Ende des Zweiten Weltkriegs, dass ein europäisches Land austritt.
Der Bruch zwischen den Briten und der Union der 27 anderen Länder auf dem europäischen Kontinent folgt auf ein Referendum vor mehr als 3,5 Jahren. Damals stimmten 17,4 Millionen britische Wähler für einen Austritt aus der EU und 16,1 Millionen für den Verbleib.
Befürworter und Gegner versammeln sich an mehreren Orten, um diesen historischen Moment zu würdigen. Anhänger des EU-Austritts feiern unter anderem auf dem Parliament Square in London, dass der Bruch nun endlich vollzogen wird. Eine Stunde bevor es soweit ist, wird Premierminister Boris Johnson das Land per Radio und Fernsehen ansprechen. Die Gemeinde London organisiert eine Veranstaltung für Londoner aus den anderen 27 EU-Ländern. Sie können im Rathaus unter anderem „emotionale Unterstützung“ erhalten.
In Schottland, wo die überwiegende Mehrheit der Wähler in der Europäischen Union bleiben wollte, versammeln sich pro-europäische Aktivisten vor dem schottischen Parlament. Das schottische Parlament hat wie erwartet für die Abhaltung eines weiteren Referendums über die schottische Unabhängigkeit gestimmt. Alle 64 Parlamentsmitglieder der schottischen SNP-Partei stimmten dafür, 54 Oppositionsmitglieder dagegen.
Rechtlich gesehen kann die schottische Regierung nicht eigenständig ein Referendum abhalten, sondern braucht auch die Zustimmung der britischen Regierung. Das schottische Parlament beschloss zudem, dass die EU-Flagge nach dem Brexit weiterhin am Parlamentsgebäude in Edinburgh wehen darf.
Premierminister Boris Johnson ist Berichten zufolge bereit, ein Handelsabkommen mit der EU zu akzeptieren, das zuvor vom EU-Unterhändler Michel Barnier vorgeschlagen wurde. Das berichtet The Times basierend auf den Texten einer Rede, die Johnson am kommenden Montag halten wird.
Die Verhandlungen über ein britisch-europäisches Handelsabkommen beginnen nächste Woche und sollen bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Zahlreiche Experten halten diesen Zeitraum für viel zu kurz, um ein vollständig neues britisches Handelsabkommen zu schließen.
Das Handelsabkommen, das derzeit zur Debatte steht, ähnelt dem kürzlich vereinbarten Handelsvertrag zwischen der EU und Kanada. In diesem Fall können bestehende Gesetzestexte weitgehend übernommen werden. Es ermöglicht Handel ohne Einfuhrzölle, führt aber auch zu Zollkontrollen. Das Modell gilt nicht für den großen britischen Dienstleistungssektor.
Gelingt es nicht, bis zum Ende der Übergangszeit eine Einigung zu erzielen, droht dennoch ein chaotischer Bruch. Dann stehen die britische Regierung und das britische Unterhaus erneut vor der Wahl, eine Verlängerung und Aufschub zu beantragen (was Premier Johnson absolut nicht möchte) oder ohne Übergangsregelung auszutreten (No-Deal-Brexit).

