Das vorläufige Ergebnis der britischen Parlamentswahlen entspricht nahezu der Exit-Umfrage, die die drei großen britischen Sender BBC, ITV und Sky gestern Abend bereits vorhergesagt hatten: Der konservative Premierminister Boris Johnson hat einen gróßen Sieg errungen. Seine Partei soll 365 Sitze im Unterhaus gewinnen, ein Zugewinn von etwa fünfzig Sitzen.
Das ist der größte Sieg der Konservativen seit 1987 unter dem damaligen Premierminister Margaret Thatcher. Damit verfügt Boris Johnson über eine sehr deutliche Mehrheit von 76 Sitzen und kann nun seine Brexit-Pläne so schnell wie möglich abschließen.
Die Labour-Partei von Jeremy Corbyn erreicht nicht mehr als 203 Sitze, ein Verlust von fast sechzig Sitzen. Das ist die größte Niederlage für Labour seit 1983. Corbyn erklärte, dass er nicht zurücktreten werde, aber bei den nächsten Wahlen kein Kandidat mehr sein werde. Auch der zweitwichtigste Mann der Labour-Partei wird zurücktreten. Kommentatoren sagen, dass dieses vernichtende Ergebnis vor allem eine Ablehnung des „marxistischen Kurses“ von Labour und Corbyn ist. „Labour verliert gegen Corbyn“ titelte eines der britischen Klatschblätter.
Die Schottische Nationalpartei von Nicola Sturgeon wird 48 schottische Abgeordnete ins Unterhaus schicken, ein Gewinn von dreizehn Sitzen. Das ist auch ein Verlust für die Konservativen und keine Erholung für Labour. Ob damit für die SNP ein zweites Referendum über die schottische Unabhängigkeit näher rückt, ist nicht zu erwarten. Die Konservativen lehnen dies strikt ab.
Für die Liberal-Demokraten ist das Ergebnis ein Drama; sie gewinnen nicht, sondern fallen auf 11 Sitze zurück. Die Parteichefin Jo Swinson verlor in ihrem Wahlkreis ihren eigenen Sitz und hat inzwischen ihren Rücktritt angekündigt. Damit haben die pro-europäischen LibDems keinen einzigen Sitz in den vielen Dutzend Wahlkreisen gewonnen, die 2016 noch für einen Verbleib in der EU gestimmt hatten. Die fanatische Anti-EU-Brexit-Partei von Nigel Farage errang keinen einzigen Sitz.
Auch die Grünen konnten mit ihrem Umwelt- und Klimaprogramm, dem Europäischen Grünen Deal, keinen Durchbruch erzielen: Sie bleiben bei einem Sitz im 650 Sitze umfassenden Unterhaus.
Trotz dieser großen Unterstützung in der britischen Bevölkerung für Johnsons Brexit-Kurs ist noch längst nicht sicher, dass das Brexit-Dossier damit abgeschlossen werden kann. Johnson hat erklärt, dass er Ende Januar aus der EU austreten will, dass er im Laufe dieses Jahres mit Brüssel ein neues Handelsabkommen aushandeln will und dass Großbritannien tatsächlich nach den aktuellen Plänen Ende 2020 die EU-Strukturen verlassen wird.
Nicht nur europäische, sondern auch britische Experten hegen große Zweifel an diesem Tempo. Sie befürchten, dass Johnson und die EU noch viel zu besprechen haben und noch lange nicht voneinander loskommen.

