Nach Ansicht des französischen PrĂ€sidenten Emmanuel Macron ist die NATO âhirntotâ. Seiner Meinung nach können sich die europĂ€ischen LĂ€nder nicht lĂ€nger auf die Vereinigten Staaten verlassen, um sie zu verteidigen. Macron Ă€uĂert zudem Zweifel an Artikel 5 der NATO, der âkollektive Verteidigungâ vorschreibt und einen Angriff auf ein NATO-Mitglied als Angriff auf alle Mitglieder betrachtet.
Die NATO funktioniere nur, wenn die Gewissheit der letzten Zuflucht gegeben sei, sagte Macron. Am Vorabend des NATO-Gipfels in BrĂŒssel erklĂ€rte Macron, dass die europĂ€ischen NATO-Staaten das Engagement der Vereinigten Staaten neu ĂŒberdenken mĂŒssten. FĂŒr Macron ist die Entscheidung des US-PrĂ€sidenten Donald Trump, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen, ohne seine europĂ€ischen VerbĂŒndeten zu konsultieren, ein Zeichen dafĂŒr, dass die USA âuns den RĂŒcken gekehrt habenâ.
Macron warnt die europĂ€ischen LĂ€nder in einem Interview mit dem britischen Wochenmagazin The Economist davor, sich nicht lĂ€nger auf die Vereinigten Staaten zur Verteidigung der NATO-VerbĂŒndeten verlassen zu können. Europa stehe am âAbgrundâ, sagt er, und mĂŒsse sich selbst als geopolitische Macht begreifen. Der französische PrĂ€sident meint, es sei höchste Zeit, dass Europa âaufwachtâ.
Macron kritisierte die jĂŒngste UnfĂ€higkeit der NATO-Staaten, auf die Offensive der TĂŒrkei in Syrien zu reagieren, und sagte, es sei an der Zeit, dass Europa aufhöre, sich bezĂŒglich des Nahen Ostens wie ein VerbĂŒndeter der Vereinigten Staaten zu verhalten.
Denn wenn US-PrĂ€sident Trump nicht mehr bereit sei, seine Soldaten zur Verteidigung Europas einzusetzen, mache dieses BĂŒndnis keinen Sinn mehr, so Macrons Ăberlegung. FĂŒr Frankreich komme das gelegen. Vor zwei Jahren hatte PrĂ€sident Macron alte Ideen fĂŒr eine eigenstĂ€ndige, von Frankreich gefĂŒhrte glaubwĂŒrdige europĂ€ische Verteidigung ins Spiel gebracht. Die jĂŒngsten Zweifel an der US-Sicherheitsgarantie fĂŒr Europa und damit an der GlaubwĂŒrdigkeit der NATO verleihen Macrons Ideen neuen Nachdruck.
Zudem liefert Trumps âAmerica Firstâ-Politik Macron ein ĂŒberzeugendes Argument, die EuropĂ€ische Union zu einer vollwertigen militĂ€rischen Akteurin umzubauen. Die Kosten dafĂŒr sind jedoch gigantisch und fĂŒr EU-VerhĂ€ltnisse praktisch unbezahlbar. Seit Jahren wird ĂŒber eine eigene EU-Verteidigungspolitik gesprochen, doch bisher bleibt dies das Terrain der âatlantischenâ Allianz. Doch wenn sich Trump auf den amerikanischen Kontinent zurĂŒckzieht und die Briten sich durch den Austritt vom europĂ€ischen Kontinent entfernen, entstehen neue geopolitische VerhĂ€ltnisse, behaupten auch viele Fachleute und Analysten.
Das gröĂte Problem fĂŒr BefĂŒrworter einer europĂ€ischen Verteidigungspolitik ist, dass sich die 27 EU-LĂ€nder intern ĂŒberhaupt nicht auf eine gemeinsame AuĂen- oder internationale Politik einigen können, geschweige denn auf den Einsatz einer europĂ€ischen Friedensmission oder einer europĂ€ischen Armee. Im Gegenteil: Viele europĂ€ische LĂ€nder und Politiker entscheiden immer hĂ€ufiger zugunsten nationaler Eigeninteressen.
Die NATO-Staaten gedachten am Mittwoch in ihrem Hauptquartier in BrĂŒssel des Mauerfalls 1989. Die NATO-Botschafter erinnerten an den dreiĂigsten Jahrestag des symbolischen Endes des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands. Dies ebnete den Weg fĂŒr viele osteuropĂ€ische und mitteleuropĂ€ische LĂ€nder, der EuropĂ€ischen Union und der NATO beizutreten. Doch dreiĂig Jahre spĂ€ter sprechen viele Kommentatoren kaum noch von Wiedervereinigung oder Erneuerung Europas, sondern eher von neuer nationaler Zersplitterung, besonders an den sĂŒdlichen und östlichen Randbereichen der EuropĂ€ischen Union.
Der Mauerfall am 9. November 1989 wird am Samstag auch in Berlin gewĂŒrdigt. Bei der Zeremonie werden zahlreiche WĂŒrdentrĂ€ger anwesend sein, darunter Gastgeber und BĂŒrgermeister Michael MĂŒller sowie der deutsche BundesprĂ€sident Frank Walter Steinmeier.

