Die Europäische Union muss großflächig Hilfen für Länder wie Italien und Spanien leisten, die von der Coronakrise besonders stark betroffen sind. Diese Ansicht vertreten nicht nur einige niederländische Oppositionsparteien, sondern auch eine einzelne Regierungspartei des liberalen Ministerpräsidenten Mark Rutte. Damit weichen sie von der ablehnenden Haltung der niederländischen Regierung gegenüber EU-Finanzierungen zur Bekämpfung der Corona-Krise ab.
Ein großer Teil der EU-Mitgliedstaaten will den europäischen ESM-Notfonds in Höhe von 410 Milliarden Euro ohne die sonst üblichen strengen Kriterien einsetzen, um die Coronakrise zu bewältigen. Niederlande stellen zusammen mit einigen anderen Ländern harte Bedingungen für die Verwendung dieses Notfonds. Der Mangel an Solidarität könnte die EU aufs Spiel setzen, warnte daraufhin der französische Präsident Emmanuel Macron. Übrigens hat der niederländische Finanzminister Wobke Hoekstra sich für die harte niederländische Ablehnung entschuldigt.
Eine Gruppe italienischer Politiker hat in einem Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scharf gegen die Niederlande ausgeteilt. In dem Brief bitten sie um das Mitgefühl der Deutschen. „Die Niederlande führen eine Gruppe von Ländern an, die gegen den Einsatz des Notfonds sind. Deutschland will sich dem anschließen. Die niederländische Haltung zeugt von einem Mangel an ethischen Werten und Solidarität. Genau diese Solidarität hat dazu geführt, dass die Hälfte der deutschen Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg erlassen wurde. Liebe deutsche Freunde, trefft die richtige Entscheidung.“
Auch Dutzende niederländische Ökonomen rufen die niederländische Regierung dazu auf, ihre Haltung zur finanziellen Unterstützung südeuropäischer Länder zu ändern. Sie halten die ablehnende Haltung von Minister Wopke Hoekstra (Finanzen) und Premier Mark Rutte für „nicht zu rechtfertigen“. Hoekstra hat inzwischen eingeräumt, dass er die niederländische Position nicht gut vermittelt habe.
Hoekstra und Rutte sehen sich großer Kritik ausgesetzt, weil sie gemeinschaftliche europäische Staatsanleihen zur Finanzierung der Corona-Bekämpfung ablehnen. Außerdem lehnten sie eine Unterstützung für südeuropäische Länder aus dem ESM-Notfonds ohne Auflagen ab. Auch der ehemalige Minister Jeroen Dijsselbloem (PvdA) kritisierte die niederländische Ablehnung.
Die Professoren und ehemaligen Bankmanager sind der Ansicht, dass die Coronakrise die Eurozone nicht zusätzlich in eine Krise stürzen darf. Sie sehen eine solche Haltung auch im eigenen Interesse der Niederlande. Zudem verliert die Niederlande an Einfluss in Europa, wenn sie sich jetzt querstellt, warnen auch die niederländischen Experten.

