Die meisten Fraktionen im EuropĂ€ischen Parlament machen öffentlich keine groĂe Sache daraus, dass der in Spanien inhaftierte katalanische Politiker Oriol Junqueras seinen im Mai gewonnenen Sitz im EP nicht einnehmen kann und dass sein Anspruch darauf inzwischen erloschen ist.
Die meisten Fraktionschefs unterstĂŒtzten diese Woche die Argumentation der EuropĂ€ischen Kommission und des EP-PrĂ€sidenten Sassoli, dass es sich um eine juristische und keine politische Frage handelt, die vor spanischen und europĂ€ischen Gerichten geklĂ€rt werden muss und nicht im EuropĂ€ischen Parlament.
Damit verlief auch der Einzug zweier anderer katalanischer Politiker aus einer anderen katalanischen Partei relativ unaufgeregt. Keine Standing Ovations, kein Heldenempfang. Auch keine Ausschreitungen, keine Rufe, kein Aufruhr, als die beiden katalanischen Politiker Carles Puigdemont und Toni ComĂn von der Partei JxCat ihre Sitze einnahmen.
Die Zulassung gefiel zwar nicht den spanischen Ă€uĂerst rechten Vox-Mitgliedern (bei ERC) und der Partido Popular in der EuropĂ€ischen Volkspartei (EVP), die lautstark protestierten, aufsprangen und eine spanische Flagge hervorholten. Aber ParlamentsprĂ€sident Sassoli hielt unbeirrt an seinem eigenen Vortrag fest, beruhigte die Extremisten und zeigte keine Reaktion.
Unmittelbar nach seiner AmtseinfĂŒhrung hielt Puigdemont im GebĂ€ude des EuropĂ€ischen Parlaments seine âersteâ MEP-Pressekonferenz ab. Daran nahmen dutzende nach StraĂburg gereiste Journalisten teil, sowie höchstens einige Dutzend regulĂ€re EU-Korrespondenten. In dieser Pressekonferenz kritisierte Puigdemont die spanischen Parteien und sprach fast ausschlieĂlich ĂŒber die belasteten Beziehungen zwischen Madrid und Katalonien, kaum aber ĂŒber EU-Angelegenheiten.
Erst nach der Sitzung kam vereinzelt Unmut auf, vor allem bei der radikal linken GUE und den GrĂŒnen, die eine klare Stellungnahme des Parlaments und seines PrĂ€sidenten erwartet hatten und gleichzeitig eine Verurteilung Spaniens fordern. âSassoli hat eigenmĂ€chtig die spanische Position ĂŒbernommen, ohne das Parlament und den Rechtsausschuss zu konsultierenâ, wetterte die belgische Europaabgeordnete Petra De Sutter (GrĂŒne).
Seine Auslegung, ebenso wie die Madrids, steht im Widerspruch zu dem Urteil des EuropĂ€ischen Gerichtshofs in Luxemburg, wonach die ImmunitĂ€t ab Bekanntgabe des Wahlergebnisses gilt. Zudem seien fĂŒr EVA/GrĂŒne der Rechtsstaat durchaus in Gefahr. Es sei schlichtweg skandalös, dass Spanien ein Urteil des Gerichtshofs in Luxemburg ignoriert.
Es gehe nicht um die Frage nach UnabhÀngigkeit oder nicht von Katalonien, sondern um die Missachtung demokratischer Entscheidungen, so wird gesagt. Andere sagen, die Politik solle sich nicht in juristische Streitigkeiten einmischen. Die EU gehe sogar strafend gegen Premierminister und Minister in Polen, Ungarn oder anderen LÀndern vor, die sich in die Rechtsprechung einmischen.
Dass das spanische Oberste Gericht sofort die Aufhebung der ImmunitĂ€t von Puigdemont und ComĂn beantragte, spitzt das Verfahren erneut zu. Der Rechtsausschuss des EuropĂ€ischen Parlaments muss jetzt darĂŒber Bericht erstatten. Damit könnte die katalanische Frage in ein, zwei oder drei Monaten erneut auf der BrĂŒsseler Agenda stehen.

