Das Europäische Parlament fordert die europäischen Regierungschefs auf, gemeinsam Schulden aufzunehmen, um die Corona-Krise zu bewältigen. In einer Resolution verlangt das Parlament einen umfangreichen Wiederaufbauplan sowie eine Erhöhung des mehrjährigen EU-Haushalts 2021–2027 und die Ausgabe von Euro-Anleihen, um die notwendigen Investitionen für den Wiederaufbau finanzieren zu können.
In der Resolution begrüßt das Parlament die Haushaltsmaßnahmen und Liquiditätshilfen der EU, um den Folgen der Pandemie zu begegnen. Abgesehen von bereits ergriffenen Maßnahmen benötigt Europa ein umfangreiches Wiederaufbau- und Resilienzpaket, das durch einen erweiterten langfristigen Haushalt (Mehrjähriger Finanzrahmen), bestehende EU-Fonds und Finanzinstrumente sowie durch "Wiederaufbau-Anleihen", die durch den EU-Haushalt garantiert werden, finanziert werden soll. Dieses Paket darf jedoch keine gegenseitige Übernahme bestehender Schulden umfassen, sondern muss auf zukünftige Investitionen ausgerichtet sein.
Das Parlament betont außerdem, dass die Covid-19-Krise vor allem die Bedeutung eines gemeinsamen europäischen Handelns gezeigt hat. Die Europäische Union muss nicht nur gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, sondern auch die Befugnisse erhalten, bei grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen handlungsfähig zu sein.
Nach Angaben von Parlamentspräsident David Sassoli macht die Resolution deutlich, dass das Parlament über die Beschlüsse der Eurogruppen-Finanzminister hinausgehen möchte. Diese hatten letzte Woche ein Hilfspaket in Höhe von 540 Milliarden Euro für die kurze Frist vereinbart, konnten sich jedoch nicht auf die Ausgabe von Euro-Anleihen zur Finanzierung des Wiederaufbaus nach der Krise einigen, da insbesondere die Niederlande und Deutschland dies verhinderten.
Der Begriff Eurobonds für den Wiederaufbaufonds taucht in der Vereinbarung deshalb nicht auf; stattdessen werden „innovative Finanzinstrumente“ genannt. Eine Lösung für die Blockade wird nun von den Regierungschefs erwartet, die das Thema nächste Woche in einem Videogipfel besprechen. Laut Sassoli sind „Wiederaufbau-Anleihen“ für eine solidarische Lösung zugunsten der schwer getroffenen Mitgliedstaaten notwendig, und das Parlament fordert die Regierungen auf, zusammenzuarbeiten.
In einem Interview mit der britischen Tageszeitung Financial Times hat der französische Präsident Macron harte Kritik an Niederlande und Deutschland geübt. Diese beiden Länder seien sehr zurückhaltend, wenn es darum gehe, dass die EU Schuldenverpflichtungen eingehe. Der Franzose stellt fest, dass Eurobonds notwendig seien, um Ländern wie Italien zu helfen. Seiner Ansicht nach müsse man nach vorne schauen, in die Zukunft. Niederlande und Deutschland hingegen beschäftigten sich zu sehr mit Schulden und Haushaltsproblemen der Vergangenheit. Macron erklärt, er stehe in ständigem Kontakt mit Rutte und Merkel zu dieser Frage. Er warnt, dass sie an einer gemeinsamen Lösung mitarbeiten müssen, da sonst Populisten von dieser Krise profitieren würden.

