Die landwirtschaftlichen Berater der niederländischen Botschaft in Havanna sehen neue Möglichkeiten für den niederländischen Agrarexport nach Kuba, da das Land letzten Monat ein umfassendes Paket wirtschaftlicher Maßnahmen angekündigt hat.
Das angekündigte Maßnahmenpaket ist eine Antwort auf die tiefe Wirtschaftskrise, in der sich Kuba derzeit befindet. Durch die COVID-19-Pandemie hat sich diese Krise noch erheblich verschärft.
Bereits vor der COVID-19-Pandemie befand sich Kuba in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage. Der Zusammenbruch des Tourismussektors und Störungen im Außenhandel haben die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtert. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung der kubanischen Bevölkerung.
In den vergangenen Jahrzehnten gab es unter der ineffizienten zentral gesteuerten Landwirtschaft und dem Lebensmitteldistributionssystem bereits Lebensmittelknappheit, die sich durch die Corona-Krise weiter verschärft hat. Für Grundnahrungsmittel wie Huhn, Reis und Speiseöl müssen Kubaner oft stundenlang anstehen, und viele von ihnen haben Schwierigkeiten, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu decken. Ein großer Teil der neuen Maßnahmen konzentriert sich daher auf Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung.
Die meisten der Maßnahmen wurden in der Vergangenheit von Ökonomen häufig empfohlen, vom Regime Fidel Castros jedoch stets abgelehnt. Die aktuelle kritische Situation hat nun dazu geführt, dass sie umgesetzt werden. Der übergeordnete Ansatz der Maßnahmen besteht darin, dem privaten Unternehmertum mehr Freiraum zu geben und darauf abzuzielen, mehr Devisen zu generieren. Mit diesen Devisen kann die kubanische Regierung anschließend wichtige Güter für die Bevölkerung importieren.
Die auffälligsten Maßnahmen für Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung sind die Aufhebung des staatlichen Monopols auf die Verteilung von Landwirtschafts- und Lebensmitteln, die rechtliche Anerkennung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sowie die Möglichkeit für private Unternehmen, Im- und Export (allerdings über staatliche Firmen) zu betreiben. Ebenso wird durch eine neu einzurichtende Agrarbank eine bessere Kreditvergabe an Landwirte ermöglicht, sowie Steuervergünstigungen für Landwirte mit Exportpotenzial eingeführt.
Außerdem wurde inzwischen die "verhasste" zehnprozentige Steuer auf Zahlungen in (US-)Dollar abgeschafft. Offiziellen Angaben zufolge führte diese Abschaffung allein in der ersten Woche zu einem Anstieg der Währungsumtauschgeschäfte um 200 % sowie zu einem Anstieg der Kontoguthaben in Fremdwährungen um 195 %.
Ausländische Experten in Havanna bewerten die Maßnahmen insgesamt positiv. Besonders für Unternehmer im Agrarsektor würden sich viele neue Chancen ergeben. Allerdings gibt es kritische Anmerkungen zur Verpflichtung, dass private Unternehmen (noch?) ausschließlich über staatliche Unternehmen importieren oder exportieren dürfen.
Die Liberalisierung von Export und Import sowie die Möglichkeit, in Fremdwährungen zu handeln, könnten auch neue Chancen für niederländische Agrarunternehmen eröffnen, beispielsweise für Bierexporteure, Molkereiproduzenten und Zulieferer für Land- und Gartenbau, berichtet das Landwirtschaftsteam in Havanna.

