Der Prozess gegen vier Verdächtige des Abschusses von Flug MH17 bedeutet laut dem niederländischen Premierminister Mark Rutte noch nicht das Ende der Ermittlungen und Strafverfolgung. Er bezeichnet die Anhörungen als einen sehr wichtigen Schritt, um zur Wahrheitsfindung zu gelangen, aber auch Gerechtigkeit für die Opfer und ihre Angehörigen zu erreichen.
Das Strafverfahren ist laut Rutte eine Angelegenheit von langer Dauer und viel Geduld. Schritt für Schritt kommen wir der Aufklärung der Wahrheit näher sowie der Ermittlung und Verfolgung der Verantwortlichen für den Abschuss des Fluges MH17. Das bleibe laut Rutte die oberste Priorität der niederländischen Regierung. Der Tod von 298 unschuldigen Menschen aus 17 verschiedenen Nationen darf nicht ungestraft bleiben.
Dem niederländischen Regierungschef zufolge wird weiterhin nach möglicherweise weiteren Verdächtigen der Tat geforscht. Am Montag beginnt vor dem besonders gesicherten Gericht auf dem Gelände des Flughafens Schiphol der Prozess gegen die ersten vier Verdächtigen. Dort stehen drei Russen und ein Ukrainer vor Gericht. Sie werden vermutlich nicht selbst an den Sitzungen teilnehmen und in Abwesenheit verurteilt.
Premierminister Rutte sagte am Freitag nach Abschluss seiner wöchentlichen Kabinettssitzung, dass Niederlande den Druck aufrechterhalten wolle. Der Beginn des Prozesses vor einem niederländischen Gericht übe ebenfalls Druck aus und werde laut Rutte in bestimmten Ländern "Unannehmlichkeiten" hervorrufen. Er nannte keine Länder beim Namen, doch es ist anzunehmen, dass er den russischen Präsidenten Putin meinte.
Nach internationalen Ermittlern wurde das malaysische Passagierflugzeug mit 298 Menschen an Bord, darunter 196 Niederländer, durch eine in Russland gefertigte Buk-Luftabwehrrakete des russischen Militärs abgeschossen, und die Abschusseinrichtung wurde nach dem Abschuss aus dem rebellenkontrollierten Gebiet im Osten der Ukraine wieder nach Russland zurückgebracht. Die Männer, die jetzt vor Gericht stehen, haben zwar selbst nicht die Rakete abgefeuert („den Knopf gedrückt“), waren aber für den Einsatz dieser tödlichen Waffe verantwortlich.
Niederlande haben Russland im Jahr 2018 für die Beteiligung am Abschuss von Flug MH17 zur Verantwortung gezogen. Dies geschah gemeinsam mit Australien. Beide Länder hoffen dadurch, Russland zur Zusammenarbeit bei der Untersuchung und Bearbeitung der Tragödie zu bewegen. Darüber wird inzwischen „auf diplomatischer Ebene“ mit den Russen Kontakt gehalten. Dieser Weg steht zwar formal getrennt vom juristischen Verfahren, das am Montag beginnt, doch viele sehen in Wirklichkeit das Kreml und den russischen Präsidenten Putin auf der Anklagebank.
Moskau und die prorussischen Milizen haben von Anfang an auf allerlei Weise bestritten und widersprochen, dass sie in irgendeiner Weise für den Abschuss des malaysischen Flugzeugs verantwortlich oder darin verwickelt seien. Zunächst wurde sogar geleugnet, dass die MH17 abgeschossen wurde, später wurde bestritten, dass eine BUK-Rakete abgefeuert wurde. Wenn die JIT-Ermittler oder die privaten Bellingcat-Forscher dann Russen mit unwiderlegbaren Beweisen konfrontierten, errichtete Moskau wieder neue Nebelwände. Dabei wurden an einzelne Halbwahrheiten ganze Lügen und unglaubwürdige Verneinungen bis ins Absurde festgehalten.
Wenn das Kreml tatsächlich geglaubt haben sollte, es könne mit Leugnungen, Unklarheiten, Widersprüchen, Agitation und Fake News die Wirklichkeit verbergen, so kann nach sechs Jahren festgestellt werden, dass die Russen vor allem für sich selbst einen unhaltbaren gordischen Knoten aus Lügen geschaffen haben. Eigentlich haben sie vor allem selbst dafür gesorgt, dass nicht die tatsächlichen Schützen angeklagt werden, sondern dass vor allem das Kreml und Putin auf der Anklagebank sitzen.

