Wojciechowski kritisiert den Bauerngewerkschaftsführer Michil Kolodziejczak, der bei den kommenden polnischen Parlamentswahlen auf der Kandidatenliste der Bürgerkoalition des Oppositionsführers Donald Tusk steht. Ursprünglich hatte Agrounia geplant, mit einer eigenen Liste anzutreten.
Es ist eher ungewöhnlich, dass sich ein europäischer Kommissar während der Wahlzeit öffentlich mit der Innenpolitik eines EU-Landes befasst, auch wenn es das eigene Heimatland ist. Manchmal wird in Brüssel bei einer einmaligen „Äußerung“ ein Auge zugedrückt, doch in diesem Fall wächst die Stirnrunzeln zunehmend.
In seinen Aufgaben und Befugnissen ist der polnische EU-Kommissar in den letzten Jahren viel mit der Subventionierung und Modernisierung der polnischen Landwirtschaft befasst gewesen. Auch mit der durch Schweinepest und Vogelgrippe betroffenen polnischen Viehzucht hat Wojciechowski sich wiederholt in die stockende Agrarpolitik der Regierungspartei PiS „eingemischt“.
Diesmal stellt der Pole offen infrage, ob der radikale Kolodziejczak mit seinem „Wechsel“ zur Bürgerkoalition seiner Bauernbasis einen Dienst erweist. Agrounia bleibt weiterhin als eigene Partei bestehen; es geht nun lediglich um eine Kombination ansprechender Polen auf einer gemeinsamen Anti-PiS-Kandidatenliste.
Ein Teil der Agrounia-Bauern ist damit nicht einverstanden und hat sich einer kleineren konservativen Landpartei angeschlossen.
Der polnische Premier Morawiecki und PiS-Parteichef Kaczyński werfen Kolodziejczak vor, nun die Seite der proeuropäischen und städtischen liberalen Opposition zu wählen. Die Ankündigung so kurz vor den Parlamentswahlen kommt für viele überraschend, zumal Kolodziejczak im vergangenen Jahr noch starke Kritik an Tusk und Co. (sowie übrigens an allen anderen Parteien) geübt hatte.
Trotzdem scheint der Bauernführer seine Kritik nun beiseitezuschieben, um die PiS-Regierung stürzen zu können. Der AgroUnia-Chef bezeichnete seine Kandidatur bei der Bürgerallianz als „von nationalem Interesse“ mit dem Ziel, die konservativ-rechte Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zu besiegen.
Unter der großen Bevölkerung auf dem polnischen Land herrscht seit einigen Jahren Unzufriedenheit über die mangelhafte Agrarpolitik der PiS-Partei. Doch in den letzten Monaten haben PiS-Minister die umstrittenen ukrainischen Getreideexporte über polnisches Gebiet zum Anlass genommen, eine agrarfreundlichere Politik einzuleiten. Außerdem hat die PiS Partei hierfür deutlich mehr Geld bereitgestellt.
Die Reaktionen auf Kolodziejczaks Entscheidung sind gemischt. Erste Rückmeldungen zeigen, dass es unter den Anhängern der Bürgerallianz viel Unterstützung für den Beitritt von Agrounia gibt. Sie sehen darin einen strategischen Schritt, der die Chancen der Opposition verbessert. Dennoch betonen die Bauerngewerkschafter, dass sie ihre eigene Partei Agrounia erhalten und die Allianz eine temporäre Zusammenarbeit zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels darstellt.
Die Entscheidung von Kolodziejczak kann von großer Bedeutung sein, angesichts des aktuellen Unterschieds in den Meinungsumfragen zwischen PiS und der liberalen Opposition: dieser beträgt nur wenige Prozentpunkte.

