Die Abstimmung ging nicht über eine sofortige EU-Mitgliedschaft, sondern darüber, ob Island die zuvor ausgesetzten Verhandlungen wieder aufnehmen sollte. Beim Zählen lagen beide Lager lange Zeit dicht beieinander. Reykjavík war die einzige Region, die mehrheitlich für eine Wiederaufnahme stimmte.
Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir gehörte zu den Befürwortern neuer Verhandlungen. Sie wollte, dass Island erneut mit Brüssel über die Bedingungen spricht, unter denen das Land gegebenenfalls beitreten könnte. Nach dem Ergebnis bestätigte sie jedoch, dass ihre Regierung die Verhandlungen in dieser Legislaturperiode nicht fortsetzen werde.
Demokratische Entscheidung
Frostadóttir stellte das Ergebnis nicht als Niederlage, sondern als demokratische Entscheidung dar. Mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an dem Referendum teil. Sie wies außerdem darauf hin, dass 47 Prozent für die Wiederaufnahme gestimmt hätten und dass auch diese Position berücksichtigt werden müsse.
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Auch die Europäische Union reagierte zurückhaltend. Die Europäische Kommission erklärte, die Entscheidung der isländischen Bevölkerung zu respektieren. Der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, betonte ebenfalls, dass das demokratische Ergebnis respektiert werde. Gleichzeitig äußerten Costa und Frostadóttir den Wunsch, die bilateralen Beziehungen weiter zu stärken.
Fischgründe
Trotz der Ablehnung bleibt Island eng mit der EU verbunden. Die Europäische Kommission bezeichnet das Land als engen Partner, während Costa es als einen der engsten und vertrauenswürdigsten Partner der Union beschrieb. Island hat zudem weitreichenden Zugang zum europäischen Binnenmarkt.
Ein wichtiger Streitpunkt bleibt die Fischerei. Dieser Sektor spielt eine große Rolle in der isländischen Wirtschaft und Identität. Gegner neuer Verhandlungen befürchten die Folgen eines Anschlusses an die gemeinsame europäische Fischereipolitik. Beim Beitritt zum gemeinsamen Markt hätten auch die Fischereifahrzeuge anderer EU-Länder Zugang zu den fischreichen isländischen Gewässern. Auch bei den früheren Beitrittsverhandlungen war Fischerei eines der schwierigsten Themen.
Geopolitik
Die früheren Gespräche begannen 2010, nachdem Island einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt hatte. Die Verhandlungen machten zunächst Fortschritte, wurden aber 2013 ausgesetzt.
Das neue Referendum war bereits von der aktuellen Regierung zugesagt worden. Die Abstimmung wurde vorgezogen vor dem Hintergrund sich ändernder geopolitischer Umstände (die amerikanischen Ansprüche auf Grönland und der russische Krieg gegen die Ukraine). Diese Spannungen spielten eine Rolle in der Debatte, doch innenpolitische Argumente blieben wichtig.

