Weniger als eine Woche vor den Wahlen in Großbritannien will Premierminister Boris Johnson nicht sagen, was er tun wird, falls er keine Mehrheit im Parlament erreicht. Nervös reagierte er, als ihn im Fernsehen bis zu dreimal gefragt wurde, ob er im Falle einer Niederlage zurücktreten werde, und wich einer klaren Antwort aus.
Johnson versprach bei Sky News, die Zahl der Migranten zu reduzieren, mithilfe eines Punktesystems nach australischem Vorbild. Experten sagen jedoch, dass dieses Punktesystem tatsächlich zu mehr Migranten führen kann. Johnson entgegnete, dass er vor allem "kontrollierte Immigration" wolle, mit Schwerpunkt auf speziellen Berufen oder Facharbeitern.
Damit führt Johnson erneut das nach wie vor sensible und umstrittene Thema Fremdenfeindlichkeit und Rassismus unter vielen Briten ein. Nach den weltweiten al-Qaida-Terroranschlägen in New York, Madrid und London (7. Juli 2005), den Kriegen im Irak und dem Aufstieg des IS gibt es unter vielen Briten Abneigungen gegenüber Muslimen, Hindus und Menschen mit östlichem Aussehen. Das spielte bereits eine große Rolle beim Aufstieg der (weißen) UKIP-Partei und der wachsenden Anhängerschaft des britisch-weißen Nationalismus bei One Nation.
Im Wahlkampf zum Brexit-Referendum 2016 wurde von Hardlinern und Brexiteers oft „die große Anzahl Ausländer“ als Argument verwendet, was ein Ergebnis dieses einen europäischen Binnenmarktes sei. Dass Großbritannien nicht dem Schengener Abkommen angehört und eigene Personenkontrollen an den Grenzen durchführt, wird meist verschwiegen. Diese anti-migrantischen Gefühle finden unter vielen Briten großen Anklang, die seit Jahrzehnten eine anti-EU-Haltung vertreten.
In den Texten der Wahlprogramme wird dieser Elefant im Raum weitgehend verschwiegen, taucht jedoch regelmäßig in Reden, Debatten und Vorwürfen auf. So wirft Laborschef Corbyn den Tories unverzüglich eine anti-muslimische Haltung vor, während Tory-Chef Johnson den anti-zionistischen Kurs der radikalen Labour als Antisemitismus bezeichnet.
In den Umfragen liegen die Konservativen zwar weiterhin klar vorn, doch macht das britische Mehrheitswahlrecht das Ergebnis unvorhersehbar. In vielen Wahlkreisen in Mittel- und Nordengland liegen Konservative und Labour Kopf an Kopf. Oppositionsparteien wie die LibDems und die Schottische Nationalpartei riefen die Wähler daher auf, „taktisch“ zu wählen.
In den meisten der über 650 Wahlkreise haben politische Parteien Koalitionen gebildet, bei denen sie ihre Kandidaten zugunsten des aussichtsreichsten Kandidaten eines Koalitionspartners zurückgezogen haben. So haben sich die radikal anti-europäische Brexit-Partei in mehr als der Hälfte des Landes zugunsten der Konservativen zurückgezogen. Die LibDems, Labour, die SNP und die Grünen haben dies in über hundert Wahlkreisen getan.

