Carney nimmt zunächst an der jährlichen State-of-the-Union-Rede von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teil und spricht einen Tag später selbst vor dem Europäischen Parlament. Eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Europa ist für seine Regierung zu einer wichtigen Priorität geworden.
Die Annäherung erfolgt in einem Moment, in dem sich Kanadas Handelsbeziehung zu den USA deutlich verschlechtert hat. Die Verhandlungen zwischen beiden Ländern scheiterten letzte Woche, worauf Washington Einfuhrzölle von bis zu 50 Prozent erhob. Kanada reagierte mit Vergeltungsmaßnahmen von 15 bis 50 Prozent auf den Import von Hunderten amerikanischer Produkte.
Konflikt mit den USA
Carney räumt ein, dass die Konfrontation wirtschaftliche Folgen für Kanada hat, will jedoch kein für sein Land ungünstiges Abkommen akzeptieren. Washington hat inzwischen neue Gegenmaßnahmen angekündigt. Ab Ende September sollen unter anderem verschiedene kanadische Milchprodukte, alkoholische Getränke und Motorräder vom US-Markt ausgeschlossen werden. Damit droht sich der Handelskonflikt zwischen den Nachbarländern weiter auszuweiten.
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Vor diesem Hintergrund versucht Kanada gezielt, seinen Handel stärker auf andere Teile der Welt zu verteilen. Europa nimmt dabei eine wichtige Rolle ein. Kanadas Handelsminister Maninder Sidhu hat den Auftrag erhalten, den Handel mit Europa und anderen Ländern außerhalb der USA zu erweitern. Ende Oktober wird er zu einem informellen EU-Handelsgespräch in Dublin erwartet.
Nicht nur Handel
Auch Brüssel möchte die Beziehungen zu Ottawa intensivieren, denn die europäischen Beziehungen zu den USA kühlen ebenfalls ab. Die EU und Kanada arbeiten an Plänen für eine deutlich umfassendere Zusammenarbeit. Diese soll sich nicht auf den Handel beschränken, sondern auch Sicherheit, Lieferketten und wichtige Rohstoffe betreffen. Darüber hinaus wird über eine Zusammenarbeit in Bereichen wie Verteidigung, Raumfahrt und wissenschaftlicher Forschung gesprochen.
Die beiden Parteien starten dabei nicht bei Null. Kanada und die EU haben bereits umfangreiche Handelsabkommen und arbeiten auch in anderen Bereichen zusammen. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič hat sich kürzlich mit seinem kanadischen Kollegen über ein Abkommen zum digitalen Handel ausgetauscht. Er bezeichnete das bestehende Freihandelsabkommen mit Kanada als ein Beispiel für eine Kooperation, von der beide Partner profitieren.
Anbindung an die EU
Eine kanadische Mitgliedschaft in der Europäischen Union steht dabei (noch?) nicht zur Debatte, obwohl auf beiden Seiten des Atlantiks darüber gesprochen wird. Ottawa und Brüssel prüfen vielmehr, wie sie ohne Mitgliedschaft so eng wie möglich zusammenarbeiten können.
Premier Carney ordnet diesen kanadischen Kurs in eine breitere Suche nach Zusammenarbeit zwischen mittelgroßen Ländern ein. Anfang dieses Jahres rief er solche Länder dazu auf, sich angesichts wirtschaftlichen und politischen Drucks großer Mächte enger zu verbünden. Durch den Konflikt mit Washington erhält dieser Kurs nun auch eine konkrete handelspolitische Dimension: Kanada sucht gezielt die Annäherung an Europa.

