Am Montag beginnt in Niederlande der Gerichtsprozess gegen russische und ukrainische Verdächtige für den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH17. Bereits jetzt wird durch einen internationalen Vergleich deutlich, dass das Drama nicht zu verhindern war. Aus einem solchen Vergleich wird auch ersichtlich, dass Verantwortung und Schuldfrage viel früher und viel einfacher zu beantworten gewesen wären.
In den vergangenen sechzig Jahren gab es weltweit mehr als zwanzig Fälle, bei denen ein Passagierflugzeug aus der Luft abgeschossen wurde. Diese können nicht alle mit MH17 verglichen werden. Manchmal handelte es sich um geplante, wohlüberlegte gezielte Anschläge auf einen Präsidenten, Vermittler oder UN-Chef (1961 Dag Hammarskjöld, 1994 Präsidenten von Ruanda und Burundi). In etwa zehn weiteren Fällen war es eine gezielte militärische Aktion in einem Bürgerkrieg oder offenem Konflikt. (zweimal Rhodesien, zweimal Angola, dreimal Afghanistan, dreimal Abchasien).
Auch kam es vor, dass eine luftabwehrende Einheit, die eigentlich nur übte, versehentlich echte Raketen abfeuerte. Dies geschah höchstwahrscheinlich 1962 mit einem russischen Aeroflot-Flugzeug über Sibirien. Ebenso wurde 1980 über dem Mittelmeer ein italienisches Linienflugzeug während einer Jagdflugzeugübung der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Italiens und Libyens abgeschossen. Erst 2013 räumten die Italiener ein, dass eine echte Rakete verwendet wurde.
Die Vorgänge mit der MH17 weisen viele Parallelen zu mindestens zehn Fällen auf, bei denen in einer bedrohlichen Situation während eines militärischen Konflikts die lokale Luftabwehr offenbar einen Fehler machte. Dabei wurde kein feindliches Militärflugzeug abgeschossen, sondern Raketen auf ein ziviles Passagierflugzeug abgefeuert, mit allen dramatischen Folgen. So wurde 1975 ein ungarisches Malev-Linienflugzeug beim Anflug auf den Flughafen Beirut von einer der kämpfenden Parteien im libanesischen Bürgerkrieg abgeschossen.
Anfang dieses Jahres wurde bei Teheran ein gerade gestartetes ukrainisches Passagierflugzeug abgeschossen, weil es von der iranischen Luftabwehr auf dem Radar fälschlicherweise für einen irakischen Angriff gehalten wurde – wenige Stunden nachdem der Irak bereits mit Raketen einen Angriff auf einen iranischen General verübt hatte. Im Eifer des Gefechts traf die iranische Luftabwehr offenbar eine Fehlentscheidung.
Dass die russische Luftwaffe nicht zögert, auf den roten Knopf zu drücken, zeigte sich bereits 1978 und 1983, als russische Jagdflugzeuge auf großer Höhe südkoreanische Passagierflugzeuge abschossen. Die südkoreanischen Piloten hätten (laut Moskau) nicht auf Aufforderungen reagiert, ihren Kurs zu ändern.
In beiden Fällen handelte es sich um Linienflugzeuge, die über Alaska von und zu den USA flogen und laut Moskau in den russischen Luftraum eingedrungen waren. Im ersten Fall behauptete Moskau zehn Jahre lang, die KL007 sei auf Spionageflug gewesen. Außerdem weigerten sie sich, die geborgenen Black Boxes internationalen Luftfahrtexperten zu übergeben. Beide Flugzeuge stürzten östlich von Murmansk im Pazifik ab.
1988 hielt die Besatzung des amerikanischen Fregatts USS Vincennes im Persischen Golf auf ihrem Radar ein startendes iranisches Passagierflugzeug für einen herannahenden iranischen F14-Kampfjet, der mit Flugabwehrraketen bewaffnet war. Anfangs schoben die USA die gesamte Schuld den Iranern zu.
Lange Zeit gab es innerhalb der US-Regierung Meinungsverschiedenheiten darüber, wie mit der Angelegenheit verfahren werden solle. Das Pentagon beharrte jahrelang darauf, dass die iranische Luftwaffe die Transponder ihrer Jagdflugzeuge zivile Codes senden ließ. Letztendlich wurden die iranischen Beschwerden gegen die USA 1996 vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag mit einer Entschädigung für die iranischen Hinterbliebenen und einem verdeckten Schuldeingeständnis beigelegt.
Aus den bereits vom JIT-Ermittlungsteam gesammelten Materialien und dem Vergleich mit ähnlichen Situationen lässt sich im Fall von MH17 vermuten, dass es sich um eine Verkettung von Umständen handelte, mit einer zwar nachvollziehbaren, aber dennoch dramatischen Folge.
Im Osten der Ukraine herrschte ein bewaffneter Konflikt. Innerhalb weniger Tage wurden dort mehrere Militärflugzeuge und Hubschrauber abgeschossen. Die ukrainischen Luftabwehrkräfte überwachten vorrangig den aus Osten herannahenden Flugverkehr, und die östlichen Rebellen beobachteten offenbar auf ihren Radarschirmen das eingehende Luftverkehr aus Westen.
An der angespannten und tödlichen Donbass-Front wurde der in großer Höhe herannahende malaysische MH17 offenbar von einem angespannten und erschöpften Korporal oder Sergeant für ein bedrohliches feindliches Flugzeug gehalten, es wurde Alarm ausgelöst, ein Kommandeur erteilte die Erlaubnis oder erhielt den Befehl, und eine Rakete wurde abgeschossen. So wie es schon oft zuvor geschehen ist….

