Das Frachtschiff Razoni, das letzte Woche als erstes im Rahmen eines internationalen Abkommens mit einer Ladung ukrainischen Getreides aus Odessa exportierte, ist nicht in einem Hafen im Libanon festgemacht, sondern liegt vor der Küste Türkeis vor Anker.
Der ursprünglich libanesische Käufer möchte die Ladung, die vor fünf Monaten bestellt wurde, nicht mehr haben. Der Verlader sucht nun nach neuen Abnehmern.
Die Razoni war nach einer Inspektion in Istanbul auf dem Weg nach Tripoli, erreichte den Libanon jedoch nie. Kurz nach Verlassen Istanbuls wurde der Kurs geändert, gefolgt von einem Zwischenstopp vor der türkischen Küste. Am Dienstag ging die Razoni schließlich vor dem Hafen von Mersin (Türkei) im Mittelmeer vor Anker.
Mittlerweile ist auch mehr Klarheit über die Ladung vorhanden: Es handelt sich um über 26.000 Tonnen Futtermais für Viehfutter, der nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist. Angesichts der derzeitigen enormen Brotpreiskrise im Libanon wird die Maisladung für Tierfutter von den Libanesen als eine Farce bezeichnet.
Das Land, das nach der Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut vor zwei Jahren zahlreiche Silos verlor, bezog bis vor kurzem 70 Prozent seines Getreides aus Ukraine. Weizenmehl kostet im Libanon heute das Doppelte verglichen mit der Zeit vor Beginn des russischen Krieges in der Ukraine.
Die Debatte über die Razoni wurde auch vom Vorsitzenden des Konsortiums für Lebensmittelimporte kritisiert. „In dieser schweren Nahrungsmittelkrise benötigt das Land dringend Weizen und keinen Mais.“ Das internationale Getreideabkommen wurde kürzlich noch als Wendepunkt in der weltweiten Ernährungssicherheit gefeiert. UN-Generalsekretär António Guterres sprach sogar von einem „Leuchtfeuer der Hoffnung“.
Inzwischen sind auch die Ladungen und Ziele von etwa zehn weiteren Frachtschiffen bekannt, die in der vergangenen Woche die Häfen im Schwarzen Meer verließen.
Traditionelle Importländer wie Somalia, Äthiopien und Kenia warten aufgrund der Dürre bereits seit Monaten dringend auf Schiffs-Ladungen mit Getreide. Doch bislang hat kein einziges ukrainisches Getreide die Hungernden dieser Welt erreicht, obwohl bereits mehr als 270.000 Tonnen Güter den Hafen Odessa verlassen haben.
Die bisherigen Abfahrten aus den ukrainischen Häfen zeigen andere Ladungen und andere Destinationen an: Mais für die Türkei und Südkorea, Mehl für China oder Sonnenblumenöl für Italien. Es sind auch schon Schiffe mit zuvor bestellten Ladungen Sonnenblumenmehl und Sojabohnen nach Irland und Großbritannien abgefahren.
Der ukrainische Infrastrukturminister Oleksandr Kubrakov sagt, dass die Häfen bald 100 Schiffe pro Monat abfertigen können.

