Die russischen Angriffe richten sich nicht nur gegen Hafenanlagen und Terminals, sondern auch gegen internationale Handelsschiffe. Mehrere Schiffe mit Agrarprodukten sind getroffen worden. Reedereien meiden daher zunehmend ukrainische Häfen. An manchen Tagen kam kein einziges Handelsschiff an, und es steht kaum Kapazität für neue Getreidetransporte zur Verfügung.
Ernte bedroht
Das trifft die Ukraine gerade zu einem Zeitpunkt, an dem neue Ernten exportiert werden müssen. Bauern und landwirtschaftliche Betriebe bereiten sich deshalb darauf vor, Getreide länger zu lagern. Das Land verfügt derzeit noch über ausreichend Lagerraum, doch das Defizit an Silos und Lagerkapazität könnte bis Ende Herbst bis zu 11 Millionen Tonnen erreichen.
Über Land
Kiew versucht deshalb, mehr Getreide über Land auszuführen. Dabei wird erneut nach Polen geschaut. Die Ukraine möchte Agrarprodukte per Bahn und Straße unter anderem zu den nördlichen polnischen Ostseehäfen Gdańsk, Stettin, Świnoujście und Gdynia transportieren. Kiew betont, dass das Getreide ausschließlich über Polen in Länder außerhalb der Europäischen Union weitergeleitet wird.
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Eine weitere Möglichkeit verläuft über Moldawien. Die Ukraine verhandelt mit Chisinau über niedrigere Bahntarife für Getreide, das über Moldawien zum rumänischen Hafen Constanța transportiert wird. Diese Route könnte jährlich maximal 4,5 Millionen Tonnen abwickeln, etwa 10 Prozent der ukrainischen Agrarexporte. Auch andere Alternativrouten werden geprüft.
Binnenschifffahrt
Doch auch rund um die Route nach Constanța entstehen Probleme. Durch aufeinanderfolgende Hitzewellen und fehlenden Niederschlag steht das Wasser der Donau historisch niedrig. Binnenschiffe können dadurch weniger schwer beladen werden. Das verringert die Zahl der Transporte, verursacht längere Wartezeiten und treibt die Kosten für den Transport zum rumänischen Hafen weiter nach oben.
Die Alternativen können die Häfen am Schwarzen Meer zudem nicht vollständig ersetzen. Die Kombination aus Bahnverbindungen und Donau kann nur etwa ein Drittel dessen abwickeln, was über die ukrainischen Schwarzes-Meer-Häfen transportiert werden kann. Die Ukraine betrachtet daher die Wiederherstellung der maritimen Exportroute weiterhin als Hauptziel.
Finanzielle Unterstützung
Die Probleme treffen auch die finanzielle Lage der Bauern. Die Ukraine hat die Europäische Union um 220 Millionen Euro Unterstützung für kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe gebeten. Die Regierung will damit unter anderem günstige Agrarkredite fördern. Gleichzeitig wird nach zusätzlichen temporären Lagerungsmöglichkeiten gesucht, um zu verhindern, dass Teile der Ernte verloren gehen.
Der Kampf um die Handelsrouten geht derweil in beide Richtungen. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf russische Häfen, Schiffe, Getreideterminals und Öl-Anlagen rund ums Schwarze Meer und das Asowsche Meer ausgeweitet. Dadurch gerät auch der russische Export zunehmend unter Druck, und der Krieg um die logistischen Routen weitet sich weiter aus.

