Aus kontinental-europĂ€ischer Sicht gab es in GroĂbritannien in den letzten sechs Wochen kaum eine gut organisierte Wahlkampagne. Aufgrund des nach wie vor geschĂ€tzten historischen britischen Wahlsystems liegen Regie und Organisation weitgehend in den HĂ€nden lokaler ParteifĂŒhrer und örtlicher Kandidaten. Damit Ă€hnelt die Organisation dieses nationalen Urnengangs sehr stark der von kontinentaleuropĂ€ischen Lokalwahlen.
Zwar wurden die Wahlprogramme von den Mitarbeitern von Johnson, Corbyn, Swinson, Farage und Lucas zusammengestellt, doch mĂŒssen die 650 örtlichen Kandidaten diese letztlich der WĂ€hlerschaft nĂ€herbringen. Es gibt Kandidaten, die bei HaustĂŒrbesuchen es ablehnen, das landesweite Programm ihrer Partei zu verteidigen. AuĂerdem gibt es Wahlkreise, die ihren landesweiten Spitzenkandidaten ĂŒberhaupt nicht zu Besuch haben wollen.
Teilweise dadurch fand die Kampagne im britischen Staatsfernsehen (BBC und ITV) zunÀchst um eine Person und eine Frage statt (Boris und Brexit), entwickelte sich spÀter zu einem Zweikampf (Johnson und Corbyn, Brexit und Gesundheitswesen) und wurde in den letzten zwei Wochen ein wenig zum Trio mit den LibDems und ihrem Versuch der Sozialen Erneuerung.
In nur zwei oder drei Fernsehdebatten debattierten die Kandidaten vor allem nicht miteinander, gingen nicht auf konkrete Fragen der Moderatoren ein, sondern brachten vor allem eigene Einzeiler und Schlagworte vor. Johnson verweigerte sogar eine Befragung in einer berĂŒhmten britischen Wahlshow. Die landesweiten ParteifĂŒhrer befanden sich hauptsĂ€chlich im Beschuldigungsmodus: alles die Schuld des Anderen.
Dieses Nicht-Reagieren auf Programmthemen der anderen Parteien ist im politischen Diskurs recht ĂŒblich: man spricht nicht ĂŒber das der anderen, sondern bringt seine eigenen Punkte vor. Zu zwei oder drei wichtigen Themen war es fĂŒr die zwei aussichtsreichsten ParteifĂŒhrer zudem noch schwieriger: ihre eigenen Parteien und Mitglieder sind darĂŒber stark gespalten. Deshalb musste man ĂŒber manche Fragen schweigen.
Die Parteistrategen der Konservativen hatten entschieden, dass âBrexit und die EUâ ihr einziges Thema sein sollten. Deshalb hat Boris Johnson in den letzten Wochen wie eine Marionette dreiĂig- oder vierzigtausendmal âGet Brexit Doneâ gesagt. Und bei Fragen zu den meisten anderen Themen wirkte er bei der PrĂ€sentation oft etwas unsicher, stotterte oder gab ihnen eine andere Richtung.
FĂŒr Corbyn gilt, dass die Unterschiede zwischen seinen WĂ€hlern und aktiven Parteifreunden noch gröĂer sind als bei den Tories. Labour hat ein radikal-linkes Wahlprogramm mit mehr Staat, mehr KollektivitĂ€t, mehr Gesetzen und Regeln, und weniger Freier Markt, weniger Kapitalismus und weniger Oberschicht. Eigentlich mĂŒssten Johnson und Corbyn ihren WĂ€hlern etwas bieten, was die Parteikader nicht ins Programm aufgenommen haben, und die Parteikader bieten etwas an, worauf die WĂ€hler nicht warten.
Deshalb wird die Frage spĂ€ter nicht sein, wer gewonnen hat, sondern wer den Schaden möglichst gering halten konnte. Um echter Sieger zu werden, muss Johnson mindestens etwa fĂŒnfzig Sitze gewinnen. Corbyn darf keine Sitze verlieren und sollte idealerweise ein paar gewinnen. Jo Swinson gewinnt vielleicht zehn oder zwanzig, hat aber als dritte Partei erst ab vierzig oder fĂŒnfzig Sitzen wirklich durchgedrungen.
Vor vier Jahren richtete der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore eine Art öffentlichen Appell an wohlmeinende, aber enttĂ€uschte Landsleute, doch auf Hillary Clinton zu stimmen, weil Donald Trump als PrĂ€sident noch schlimmer wĂ€re. âUm Gottes Willen, beiĂt die ZĂ€hne zusammen, keine Zweifel, macht das Kreuzchenâ, sagte Moore.
Wenn heute Abend nach der Wahl ein âhung parliamentâ gewĂ€hlt wird, haben diese Wahlen nichts gelöst, sondern die britische Isolation nur noch verschĂ€rft. Und wenn Johnson nicht klar gewinnt, muss die EU auch noch jahrelang mit einer Brexit-Ă€hnlichen Nachwirkung rechnen.

